100 Jahre Bloomsday am 16. Juni 2004 19:00 Uhr bis -open end- im Tacheles

BLOOM-BOOM: 100 Jahre Bloomsday

Ein Versuch: "Der Dubliner Bürger Leopold Bloom verlässt am Morgen des 16. Juni 1904 sein Haus und treibt sich lange bis nach Mitternacht in der Stadt herum, um seine Frau Molly nicht bei einem Schäferstündchen zu überraschen." - so der Literaturwissenschaftler und Irlandkenner Frank T. Zumbach über den vermutlich exzessivsten Roman der Weltliteratur "Ulysses".

Eigentlich eine banal alltägliche Ausgangssituation. Dennoch wurden sie und ihr Protagonist schon wenige Jahre nach Erscheinen des Romans - so wenig gelesen er auch immer sei - zu einer Ikone, die alljährlich zuerst die Dubliner und dann Menschen in der ganzen Welt - auf die Straßen lockte. Sie ziehen durch Pubs oder treffen sich in irgendwelchen aufgelassenen Fabriken, um Guinness zu trinken, sich aus dem Roman vorzulesen, darüber zu lachen oder zu streiten und ausgelassen zu feiern, und in Dublin springen sie nach literarischem Vorbild in die eiskalte, "rotzgrüne" See.

Dublin ehrt sein berühmtestes Kind zum 100. Geburtstag mit einer Palette an Superlativen. Geplant ist die größte Ausstellung, die es je über ein Buch gegeben hat mit neuester multimedialer Technik, die wichtigste Straße wird gesperrt für ein gigantisches Frühstück inklusive der literarisch verbürgten Nierchen für 10000 Gäste. Joyce und sein legendärer Held beschäftigen nicht mehr nur einige Intellektuelle; Taxifahrern geht er ebenso wenig aus dem Kopf wie Kneipenbesitzern, Tourismusmanagern und Ministern. Niemand bezeichnet sein Buch mehr wie in den ersten Jahren als Pornographie. Der Bloom-Boom ist gigantisch, aber Dublin weit weg.
Und auch wenn es in Berlin keine Klippen über eiskalter See gibt, gibt es in Berlin Liebhaber, die sich der Odyssee des Antihelden verschworen haben. Die seine ebenso heillos komplizierte und nie gradlinige wie besessen neugierige Tagesreise als Teil auch ihres eigenen Lebens sehen, die dieser alltäglichen Reise auch in ihrem Alltag einen Kunstraum geben.

BLOOM-LIVE: Die Berliner Veranstalter
In Schönberg lebt und arbeitet eine Frau, der nach sehr vielen Rollen in zahlreichen Ländern und Ensembles die Molly Bloom angeboten wurde - in Lissabon. Sonne und Meer und dennoch ein "Desaster", wie sie damals dachte, denn "da kam ein Stoff daher, ein Text ohne Punkt und Komma, ein Text, der aus reiner Sehnsucht bestand, ohne die Sehnsucht zu benennen, ein Text, den man nicht spielen kann, ohne ER zu sein. Sonne und Meer, aber nichts zu verstehen."
Wie immer treibt einen das Leben weiter, durch die Straßen, die Arbeit, die Menschen, manches tritt in den Hintergrund. Julia Lindig hatte inzwischen 1999 eine Internetagentur gegründet und die größte offene Datenbank für Schauspieler ins Netz gestellt, stumme Bites und Bytes wurden die Hauptspur in ihrem Leben. Doch schon ein Jahr später wurden die alten Fragen aus Lissabon wieder vernehmbar. Zwischen Rechnern entstand ein Literarischer Salon, in dem seitdem an jedem ersten Freitag im Monat Schauspieler lesen: den Ulysses - von der ersten bis zur letzten Seite. Ende 2004 wird vermutlich die letzte Seite aufgeschlagen.
2001 wollte der Schauspieler Timo Sturm dann feiern - natürlich den Bloomsday und natürlich am 16. Juni. Der 1. Berliner Bloomsday wurde "intuitiv, demütig wie alle guten Dinge im Leben" - so Julia Lindig - vorbereitet. Seitdem gibt es eine begeisterte Gruppe von Schauspielern und Künstlern, die sich in jedem Frühjahr diesem Tag verschreiben, mit zunehmendem Wissen, mit Offenheit und Risikofreude.

1th BERLIN BLOOM'S DAY
Am 16. Juni 2001 beginnt das Abenteuer Ulysses in Berlin.
Um 16:00 Uhr im Martello Tower (Wasserturm Fidicinstrasse). Im September 1904 hatte Joyce in einem Turm an der Küste südlich der Dubliner Innenstadt gelebt. Heute ist dieser Turm ein Museum voller Joyce-Devotionalien. Der Filmarchitekt Alexander Manasse (Lola rennt, Tuvalu etc.) verwandelt den ganzen Berliner Wasserturm in ein Buch. James Joyce Texte entlang der Wände, über Treppen und Räume. 20 Schauspieler lesen und spielen, die Sängerinnen Katrin Bahlo und Anja Daniela Wagner singen aus dem Ulysses. Timo Sturm und Inga Dietrich lesen bis in die tiefe Nacht. Im Hof des Wasserturms wird das berühmte irische Bier Guinness ausgeschenkt und natürlich gibt es Irish Stew. 300 Besucher verbringen den Tag gemeinsam, mal in Inneren des Turms bei den Lesungen, mal im Hof, wo die Gruppe Solyloque irische Balladen spielt. Bis 2 Uhr nachts wir gelesen, die letzen Gäste verabschieden sich gegen 4:00 Uhr morgens.

2nd BERLIN BOOM'S-DAY
Am 16. Juni 2002 ab 11:00 Uhr wird die Reise in der historischen Villa Elisabeth in Berlin-Mitte fortgesetzt. Mit dem Eintreffen einer Milchfrau, beginnen die Lesungen auf der Balustrade im Foyer der Villa. Morbider Charme vergangener Zeiten, abblätternder Putz, literarische Kostbarkeiten, italienische Arien aus dem "Ulysses", finden auf Treppen und Gängen statt. In Sälen und Nischen begegnet man den Figuren des Romans, spaziert mit Stephen Daedalus am Strand, trinkt mit den Philosophen des vierten Kapitels in der Bar, steht vor und auf dem Schafott, im Bordell, in der Kirche, trägt die Mutter zu Grabe und hört vom Duft saurer Nierchen und anderer Innereien… Die Dubliner Theatertruppe Firebraga tritt auf mit Hund, die irischen Musiker spielen und wer noch kann, tanzt bis in den Morgen.

3rd BERLIN BOOM´S-DAY
Nach den Ausschweifungen des 2nd BERLIN BOOM'S-DAY die Konzentration:
Der Text, das Eigentliche, was steht wo und warum. Nachdenken. Und Vordenken.. Eine Woche lang Vorlesen - in den Räumen der Kunststiftung Poll (Gipsstrasse 3, Berlin-Mitte), auf englisch und deutsch. Die Kunstwissenschaftlerin Regine Reinhardt hält einen Vortrag über Nora Barnacle, über ihre Herkunft, ihre Familie. Wer war die Frau, mit der Joyce von einem ersten Kuss am 16. Juni 1904 bis zu seinem Tod gelebt hatte, wer begleitet James Joyce durch sein ganzes Leben, Erfolg, Misserfolg, Armut, kurzer, bzw. kürzester Reichtum, wer also ist diese Frau?
Inga Dietrich bereitet Schrecken, die Pro und Kontra Diskussion, die zu Erscheinungszeiten des Romans losbricht, zeigt Leidenschaft und vor allem Eines: Man setzt sich doch tatsächlich aktuell mit einem Roman dieses Umfangs auseinander. Alle, Befürworter und Gegner hatten das Werk gelesen, bis ins Detail.
Beschämung und das Bedürfnis, weiter zu machen

Im Kabinett zeigen die Veranstalter seltene Exponate der Zürcher James Joyce Stiftung. Die Totenmaske rührt alle. So klein der Kopf, so zart das Wesen. Alexander Manasse hat eine Installation zu Anna Livia gemacht: Im strömenden Wasser der Regenrinne verwirren sich Buchstaben, mitgefilmt über Video setzen sie sich zusammen: Texte aus Anna Livia. Die Liffey, der Fluss in Dublin. Fünf Schauspielerinnen lesen eine Neuübersetzung des Penelope Kapitels von Harald Beck, Ursula Zeller und Ruth Frehner. Man versteht - etwas mehr. Wieder einmal.

4th BERLIN BLOOM'S DAY 2004
Der Tag des Leopold Bloom in den Straßen Dublins ist fortgeschritten, als der Annocen-Akquisiteur und gehörnte Ehemann Leopold Bloom zum wiederholten Mal an diesem Tag dem verkrachten Künstler Stephen Daedalus begegnet: diesmal nicht zufällig: Bloom ist ihm in die NACHTSTADT gefolgt und landet in Bella Cohens Plüschsalon umringt von leicht bekleideten Damen, wo Männer zwar nicht von Circe in Schweine verwandelt werden, aber die "Sau raushängen lassen" (Zumbach). Warum der Bürger den Weg in die Dubliner Halbweltatmosphäre sucht, ist eine andere Frage. Er findet ihn auf jeden Fall.
Die NACHTSTADT ist das Thema des 4th BERLIN BLOOM'S DAY. Bürgerlich und halbseiden, bohemehaft und anrüchig, schmutzig und exzessiv, glitzernd und sündhaft, vertraut und schrill.
Wenn es einen Ort in Berlin gibt, an dem all dies sich zu einem Konglomerat verschmilzt, dann ist es die Oranienburger Straße in Mitte. Hier rattern bis in die Nacht die Trambahnen und spucken Berliner aus sowie die Busse Touristen, die dann mit staunendem Blick bildschöne Prostituierte zwischen Synagoge, Brachland, Restaurants und Bars im Berliner Mitteschick und dem ehemals besetzten Tacheles mit seinen Galerien, Werkstätten und dem denkmalgeschützten Goldenen Saal vorsichtig in Augenschein nehmen oder auch kaufen.
Diese Welt aus Lust, Angst, Krise, Versöhnung, Alltag und Fiktion, Technik, Natur und Kultur bietet den Rahmen für die diesjährige Inszenierung "NIGHTTOWN" in der Regie von Anna Zimmer und der Ausstattung von Alexander Manasse, der seit dem 1. Berliner Bloomsday diesem ein sehr eigenes ästhetisches Gesicht gegeben hat. Das immer offene Tacheles macht jedem Interessierten den Weg in diese literarische Explosion, die eben auch das Leben ist, leicht. Schwellen zwischen den Welten sind nicht vorhanden. Und auch die Grenze zwischen Inszenierung und Fest ist nicht heilig, sondern fließend. Wer weiß schon, wohin einen das Leben treibt... in die Nachtwelt und dann...