Joyce in Häppchen

Bis Ende 2004 lesen zwei Schauspieler aus dem "Ulysses"

Von Guido Schirmeyer

Wer einen Schauspieler sucht, kann die Recherche vom heimischen PC mit der neuen "actorscut.com"-Suchmaschine starten. Ein Klick auf das gewünschte Gesicht öffnet eine Sedkarte mit Bildern, Daten und Kontaktmöglichkeiten.

Anbieterin der Internetagentur ist die Schöneberger Schauspielerin Julia Lindig, die in Tom Tykwers "Lola rennt" mitgespielt hat und zurzeit als Hauptdarstellerin für die ZDF-Reihe "Das kleine Fernsehspiel" vor der Kamera steht. Damit noch etwas mehr kulturelles Leben in die rotgetünchte Computer-Bude nahe dem Kleistpark kommt, lädt die an der Charlottenburger Multimedia-Schmiede "cimdata" geschulte Schauspielerin Julia Lindig nicht nur monatlich Akteure, Caster und Regisseure zum Dialog ein, sondern lässt die beiden Schauspieler Inga Dietrich und Timo Sturm deren Lieblingsbuch lesen: Bis Ende 2004 trägt das Duo jeden ersten Freitag eines Monats Kapitel für Kapitel aus dem über tausend Seiten langen "Ulysses" von James Joyce vor.

Mit dem "Ulysses" bietet Julia Lindig sozusagen die Bibel der modernen Literatur. Bei Whisky und anderen vermeintlich passenden Köstlichkeiten lauscht ein wachsender Kreis von Stammhörern dem Text, der, so Timo Sturm , erst durch "die Tongebung verständlich wird". Die Angst vor "Ulysses" möchte Vorleserin Inga Dietrich den Besuchern nehmen, schließlich soll es ja Leser geben, die mit dem über 1000 Seiten starken Roman, den Joyce von 1914 bis 1921 in Triest, Zürich und Paris geschrieben hat, ihre Schwierigkeiten haben, trotz der viel gelobten deutschen Übersetzung von Hans Wollschläger.

Carola Giedion-Welcker notierte zum "Ulysses": "Hat man je bisher in der Literatur einen derart totalen Aspekt eines Menschen dem Leser vorgesetzt? Wohl kaum. Mr. Bloom, Annoncenacquisiteur an einer Dubliner Zeitung, wird während neunzehn Stunden, in denen er agierend, laut denkend oder mit seinen Mitmenschen verhandelnd an uns vorbeizieht, psychisch oder physisch in einer Weise durchleuchtet, dass nicht nur seine unbedeutendsten Taten, sondern vor allem sein innerstes Wesen bis in die kleinsten Einzelheiten vor uns ausgebreitet werden..."

Bloom (=Ulysses) kehrt dann schließlich und endlich in das Ehebett seiner treulosen Molly (=Penelope) zurück. 42 Seiten ohne Punkt und Komma sind ihr gewidmet. Mit diesem berühmten inneren Monolog der Molly Bloom, einem ungehemmten Dahinfließen einer weiblichen Psyche, endet das Buch von James Joyce. actorscut.com, Willmanndamm 20, Schöneberg. Tel.: 78714719

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