4th. BERLIN BLOOM'S-DAY

Welt am Sonntag-online - 13.06.2004 - von Guido Schirmeyer

Bloomsday-Sause im Tacheles

Die Tacheles-Ruine, jene Subkultur-Kathedrale an der Oranienburger Straße, hat ihre guten Zeiten längst hinter sich. "Useless Tacheles?" fragt etwa das Stadtmagazin "Exberliner" in seiner aktuellen Ausgabe. Doch nun flammt mit James Joyce' "Ulysses" plötzlich Hochkultur auf, als wolle sich die alte Underground-Höhle noch einmal aufbäumen. Zum 100. Geburtstag der "Bibel der Weltliteratur" zelebrieren eingefleischte Joyce-Anhänger im vierten Jahr den Bloomsday in Berlin, jenen Tag, an dem der 1000-Seiten-Wälzer "Ulysses" spielt: den denkwürdigen 16. Juni 1904.

Unter der Regie von Anna Zimmer inszenieren 16 Schauspieler Bellas Bordell aus dem Circe-Kapitel - die "Nachtstadt" ist das Thema dieses Bloomsdays - halbseiden, bohemehaft, anrüchig, schmutzig und exzessiv. Während draußen auf der sündigen Vergnügungsmeile real existierende Prostituierte zwischen Synagoge, Tram-Gleisen und Bordsteinkante auf Freier warten, verwandelt sich in den Köpfen der Bibliophilen der denkmalgeschützte goldene Tacheles-Saal in jenes von James Joyce erdachte Bordell.

Da tritt beispielsweise die ehrenwerte Mervyn Talboys in Reitstiefeln mit Hahnensporen auf, mit zinnoberroter Weste, rehfarbenen Musketier-Handschuhen mit geflochtener Raupe, langer, aufgeschürzter Schleppe und Jagdpeitsche, mit der sie dauernd an den Schaft ihrer Stiefel schlägt. "Dieser plebejische Don Juan sandte mir eine obszöne Fotografie, wie sie spätabends auf dem Pariser Boulevard verkauft werden und deren Anblick jede Dame empört." Es waren vielleicht nicht nur O-Töne wie dieser, die aus der gebürtigen Duisburgerin Julia Lindig eine so besessene "Ulysses"-Anbeterin machten. 1991 stieß die ehemalige Schauspielerin und heutige Webdesignerin auf das Buch, als sie den berühmten Molly-Monolog sprechen sollte - und nicht verstand. "Diese Molly war eine Nummer zu groß für mich", erinnert sich Lindig und zitiert den Münchener Joyce-Fachmann Frank Zumbach: "Der ,Ulysses" weckt eine Sehnsucht." Fortan ging Julia Scarlett Lindig nie mehr ohne ihren "Ulysses" aus dem Haus, der "Ulysses"-Virus hatte die heute 50-Jährige infiziert. "Das Buch ist mein ständiger Begleiter. Im Urlaub in Italien schaue ich beim Lesen aufs Meer und suche zu verstehen, diese erstaunliche Magie." Die Schwarte ist inzwischen ganz zerfleddert.

Am Kreuzberger Willmanndamm führt Lindig die Internet-Agentur Actorscut, produziert sie Webseiten für Mimen, coacht Siemens-Führungskräfte und lässt seit drei Jahren zwei Schauspieler (Inga Dietrich und Timo Sturm) zwischen all den Rechnern den "Ulysses" komplett vorlesen. Jeden ersten Freitag im Monat - Beginn 20.07 Uhr - scharen die Joyceianer 30 "Ulysses"-Liebhaber um sich. Unter ihnen auch Lindigs 18-jähriger Sohn Vincent und junge Hip-Hopper.

"Wir diskutieren stets das Werk", sagt Joyce-Anhänger Timo Sturm und beschwört die "unglaubliche Magie", die dem Werk inne sind. "Als im Buch gerade von der Maul- und Klauenseuche die Rede war, passierte es wirklich."

Eine selbst gebastelte Leopold-Bloom-Puppe wacht als Maskottchen über den bibliophilen Kreis. Und alle schwärmen - und harren des Bloomsdays am kommenden Mittwoch. Aus Julia Scarlett Lindigs Joyce-Sause ist mittlerweile ein Familienunternehmen geworden: Lindigs Mann, der Filmarchitekt Alexander Manasse, sorgt fürs Bühnenbild, dem jüngsten Sohn Tuli (acht Jahre) wurde die Joyce-Puppe in die Wiege gelegt; er spielt im Bloomsday-Familientheater den toten Sohn, die Nichte Violetta tanzt Can-Can zu Irish Stew und Guinness. Und Julia Scarlett Lindigs Mutter, die 79-jährige Ola Lindig, mimt den Geist der Bloom-Mutter. Die Grande Dame der Inszenierung probt seit sechs Wochen schon mit den anderen 15 Schauspielern.

Der charismatische Hauptdarsteller Timo Sturm ist voll in der Bloom-Rolle und plant 2005 sogar eine neue, vierjährige "Ulysses"-Runde. Denn "ums Verrecken", sagt er, "gibt es nichts Besseres als den ,Ulysses"."


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