Petra Ahne
Die Idee ist ausbaubar: Man nehme das saftigste Kapitel eines als
sehr wichtig aber sehr kompliziert, wenn nicht sogar unlesbar
geltenden Romans, bringe es prall und lebensnah auf die Bühne, und
plötzlich steckt der zaghafte Leser mittendrin im Geschehen.
Befinddet sich an Stellen des Buches, zu denen er bei seinen eigenen
Versuche zuhause auf der Couch nie vorgedrungen ist. Nicht wenige
Besucher des Tacheles gaben am Mittwochabend nach der Vorstellung
jedenfalls zu, nicht geahnt zu haben, wie viel Spaß im
wahnsinnig-halluzinatorischen "Nachtstadt"-Kapitel von James Joyces'
"Ulysses" steckt, das ihnen gerade im Goldenen Saal dargeboten
worden war.
Die Vorstellung, die heute und morgen nochmal läuft, ist Berlins
aufwändigster und lustvollster Beitrag zur traditionellen Begehung
des Bloomsday. Jener 16. Juni 1904 also, an dem für immer ein Mann
namens Leopold Bloom durch Dublin schlendern wird, auf der Suche
nach nichts Bestimmtem, mehr eigentlich auf der Flucht vor dem
Wissen, dass seine Frau Molly in seiner Abwesenheit einen anderen
ins Ehebett lässt. Auf 1 000 Seiten hat bekanntlich James Joyce
diesen Spaziergang im Jahr 1922 notiert und das Ergebnis
bedeutungsreich "Ulysses" genannt.
Auch Berlin hat seinen Bloomsday-Kult, und weil der Tag diesmal
zum 100. Mal gefeiert werden konnte, sollte es ein bisschen mehr
sein. Also entschied sich die "Ulysses"-begeisterte Schauspielerin
Julia Lindig, die schon in den vergangenen Jahren in Berlin am 16.
Juni Joyce-Abende organisiert hat, das komplette
"Nachtstadt"-Kapitel aufführen zu lassen und drumherum eine
Joyce-Party steigen zu lassen. Das mit der Bühnenversion geht, weil
die 200 in Bellas Bordell spielenden Seiten sowieso in Dialogform
geschrieben sind. Der Ort eignete sich bestens, man konnte sich fast
vorstellen, wie Bloom erst, wie im Buch von Huren angezischelt, die
Oranienburger Straße entlangspazierte, bis er schließlich verschämt
im Goldenen Saal des Tacheles landete, der mit seiner Anmutung von
verblichenem Glanz ein hervorragendes Bordell abgab. Zwei Stunden
lang wurde gesungen, geliebäugelt, gelitten, alle 15 Schauspieler
blieben die ganze Zeit im Raum, während Leopold Bloom sich durch
seine Ängste und Lüste träumte. Wer nichts zu tun hatte, guckte den
anderen zu, die Darstellerinnen der Bordell-Damen hatten ihren Spaß
daran, als Vollweib-Karikaturen mit grotesker, wattegebauschter
Oberweite zu stolzieren. Die Aufführung war so deftig wie das Irish
Stew, das es anschließend gab. Und mancher nahm sich vor, den
"Ulysses" nochmal aus dem Regal zu nehmen. Und gleich bis zu Seite
604 vorzublättern, wo das Bordell-Kapitel anfängt.