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Freitag, 18. Juni 2004

Eine Portion Joyce

Morgen ist auch noch ein Bloomsday: Im Tacheles zeigen Schauspieler, wie viel Spaß "Ulysses" macht

Petra Ahne

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Die Idee ist ausbaubar: Man nehme das saftigste Kapitel eines als sehr wichtig aber sehr kompliziert, wenn nicht sogar unlesbar geltenden Romans, bringe es prall und lebensnah auf die Bühne, und plötzlich steckt der zaghafte Leser mittendrin im Geschehen. Befinddet sich an Stellen des Buches, zu denen er bei seinen eigenen Versuche zuhause auf der Couch nie vorgedrungen ist. Nicht wenige Besucher des Tacheles gaben am Mittwochabend nach der Vorstellung jedenfalls zu, nicht geahnt zu haben, wie viel Spaß im wahnsinnig-halluzinatorischen "Nachtstadt"-Kapitel von James Joyces' "Ulysses" steckt, das ihnen gerade im Goldenen Saal dargeboten worden war.

Die Vorstellung, die heute und morgen nochmal läuft, ist Berlins aufwändigster und lustvollster Beitrag zur traditionellen Begehung des Bloomsday. Jener 16. Juni 1904 also, an dem für immer ein Mann namens Leopold Bloom durch Dublin schlendern wird, auf der Suche nach nichts Bestimmtem, mehr eigentlich auf der Flucht vor dem Wissen, dass seine Frau Molly in seiner Abwesenheit einen anderen ins Ehebett lässt. Auf 1 000 Seiten hat bekanntlich James Joyce diesen Spaziergang im Jahr 1922 notiert und das Ergebnis bedeutungsreich "Ulysses" genannt.

Auch Berlin hat seinen Bloomsday-Kult, und weil der Tag diesmal zum 100. Mal gefeiert werden konnte, sollte es ein bisschen mehr sein. Also entschied sich die "Ulysses"-begeisterte Schauspielerin Julia Lindig, die schon in den vergangenen Jahren in Berlin am 16. Juni Joyce-Abende organisiert hat, das komplette "Nachtstadt"-Kapitel aufführen zu lassen und drumherum eine Joyce-Party steigen zu lassen. Das mit der Bühnenversion geht, weil die 200 in Bellas Bordell spielenden Seiten sowieso in Dialogform geschrieben sind. Der Ort eignete sich bestens, man konnte sich fast vorstellen, wie Bloom erst, wie im Buch von Huren angezischelt, die Oranienburger Straße entlangspazierte, bis er schließlich verschämt im Goldenen Saal des Tacheles landete, der mit seiner Anmutung von verblichenem Glanz ein hervorragendes Bordell abgab. Zwei Stunden lang wurde gesungen, geliebäugelt, gelitten, alle 15 Schauspieler blieben die ganze Zeit im Raum, während Leopold Bloom sich durch seine Ängste und Lüste träumte. Wer nichts zu tun hatte, guckte den anderen zu, die Darstellerinnen der Bordell-Damen hatten ihren Spaß daran, als Vollweib-Karikaturen mit grotesker, wattegebauschter Oberweite zu stolzieren. Die Aufführung war so deftig wie das Irish Stew, das es anschließend gab. Und mancher nahm sich vor, den "Ulysses" nochmal aus dem Regal zu nehmen. Und gleich bis zu Seite 604 vorzublättern, wo das Bordell-Kapitel anfängt.



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