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Bloomsday-Sause im Tacheles
Berlin/Dublin - Die Tacheles-Ruine, jene
Subkultur-Kathedrale an der Oranienburger Straße, hat ihre guten
Zeiten längst hinter sich. "Useless Tacheles?" fragt etwa das
Stadtmagazin "Exberliner" in seiner aktuellen Ausgabe. Doch nun
flammt mit James Joyce' "Ulysses" plötzlich Hochkultur auf, als
wolle sich die alte Underground-Höhle noch einmal aufbäumen. Zum
100. Geburtstag der "Bibel der Weltliteratur" zelebrieren
eingefleischte Joyce-Anhänger im vierten Jahr den Bloomsday in
Berlin, jenen Tag, an dem der 1000-Seiten-Wälzer "Ulysses" spielt:
den denkwürdigen 16. Juni 1904.
Unter der Regie von Anna Zimmer inszenieren 16 Schauspieler
Bellas Bordell aus dem Circe-Kapitel - die "Nachtstadt" ist das
Thema dieses Bloomsdays - halbseiden, bohemehaft, anrüchig,
schmutzig und exzessiv. Während draußen auf der sündigen
Vergnügungsmeile real existierende Prostituierte zwischen Synagoge,
Tram-Gleisen und Bordsteinkante auf Freier warten, verwandelt sich
in den Köpfen der Bibliophilen der denkmalgeschützte goldene
Tacheles-Saal in jenes von James Joyce erdachte Bordell.
Da tritt beispielsweise die ehrenwerte Mervyn Talboys in
Reitstiefeln mit Hahnensporen auf, mit zinnoberroter Weste,
rehfarbenen Musketier-Handschuhen mit geflochtener Raupe, langer,
aufgeschürzter Schleppe und Jagdpeitsche, mit der sie dauernd an den
Schaft ihrer Stiefel schlägt. "Dieser plebejische Don Juan sandte
mir eine obszöne Fotografie, wie sie spätabends auf dem Pariser
Boulevard verkauft werden und deren Anblick jede Dame empört." Es
waren vielleicht nicht nur O-Töne wie dieser, die aus der gebürtigen
Duisburgerin Julia Lindig eine so besessene "Ulysses"-Anbeterin
machten. 1991 stieß die ehemalige Schauspielerin und heutige
Webdesignerin auf das Buch, als sie den berühmten Molly-Monolog
sprechen sollte - und nicht verstand. "Diese Molly war eine Nummer
zu groß für mich", erinnert sich Lindig und zitiert den Münchener
Joyce-Fachmann Frank Zumbach: "Der ,Ulysses" weckt eine Sehnsucht."
Fortan ging Julia Scarlett Lindig nie mehr ohne ihren "Ulysses" aus
dem Haus, der "Ulysses"-Virus hatte die heute 50-Jährige infiziert.
"Das Buch ist mein ständiger Begleiter. Im Urlaub in Italien schaue
ich beim Lesen aufs Meer und suche zu verstehen, diese erstaunliche
Magie." Die Schwarte ist inzwischen ganz zerfleddert.
Am Kreuzberger Willmanndamm führt Lindig die Internet-Agentur
Actorscut, produziert sie Webseiten für Mimen, coacht
Siemens-Führungskräfte und lässt seit drei Jahren zwei Schauspieler
(Inga Dietrich und Timo Sturm) zwischen all den Rechnern den
"Ulysses" komplett vorlesen. Jeden ersten Freitag im Monat - Beginn
20.07 Uhr - scharen die Joyceianer 30 "Ulysses"-Liebhaber um sich.
Unter ihnen auch Lindigs 18-jähriger Sohn Vincent und junge
Hip-Hopper.
"Wir diskutieren stets das Werk", sagt Joyce-Anhänger Timo Sturm
und beschwört die "unglaubliche Magie", die dem Werk inne sind. "Als
im Buch gerade von der Maul- und Klauenseuche die Rede war,
passierte es wirklich."
Eine selbst gebastelte Leopold-Bloom-Puppe wacht als Maskottchen
über den bibliophilen Kreis. Und alle schwärmen - und harren des
Bloomsdays am kommenden Mittwoch. Aus Julia Scarlett Lindigs
Joyce-Sause ist mittlerweile ein Familienunternehmen geworden:
Lindigs Mann, der Filmarchitekt Alexander Manasse, sorgt fürs
Bühnenbild, dem jüngsten Sohn Tuli (acht Jahre) wurde die
Joyce-Puppe in die Wiege gelegt; er spielt im
Bloomsday-Familientheater den toten Sohn, die Nichte Violetta tanzt
Can-Can zu Irish Stew und Guinness. Und Julia Scarlett Lindigs
Mutter, die 79-jährige Ola Lindig, mimt den Geist der Bloom-Mutter.
Die Grande Dame der Inszenierung probt seit sechs Wochen schon mit
den anderen 15 Schauspielern.
Der charismatische Hauptdarsteller Timo Sturm ist voll in der
Bloom-Rolle und plant 2005 sogar eine neue, vierjährige
"Ulysses"-Runde. Denn "ums Verrecken", sagt er, "gibt es nichts
Besseres als den ,Ulysses"." Guido
Schirmeyer
Artikel erschienen am 13. Juni 2004 |
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